In der bremischen Politik tut sich so einiges und zwar in allen möglichen Bereichen: In der Wirtschafts- und Finanzpolitik geht es um das Investitionssonderprogramm und das Buhlen um ansiedlungswillige Betriebe. Bei Kultur und Sozialem wird gekürzt was das Zeug hält. In der Bildungspolitik werden die Zuwendungen bundesligareif von der D-Jugend
(Volle Halbtagsschulen) zu den Profis (Privatuni) umgeschichtet. In der Stadtentwicklung geht es um die Nutzung der ehemaligen Handelshäfen rechts der Weser sowie die Überdachung der halben Innenstadt. Und in der Kriminalpolitik sollen die Daumenschrauben bei der repressiven Drogenpolitik weiter angezogen und die Videoüberwachung öffentlicher Plätze umgesetzt werden.

 

 

 

 

 

Viel los also und wie so oft hängt auch hier wieder alles irgendwie mit allem zusammen. Im Folgenden will ich versuchen, da etwas zu sortieren. Erklärt werden soll, warum der Innensenator im letzten Dezember angekündigt hat, die Videoüberwachung in der Innenstadt und am Bahnhofsvorplatz schleunigst auf den Weg zu bringen. Dabei will ich zeigen, dass damit zwei Zwecke verfolgt werden. Erstens geht es um die Aufwertung der innenstädtischen Bereiche, das ist Stadtentwicklungspolitik. Zweitens geht es um die Überwachung von Menschen, das ist Kontrollpolitik.

 

 

 

 

Doch weder die schöne Stadt noch die Repression sind Selbstzweck. In beiden Fällen geht es letztendlich um Standortpolitik, das eine Mal um lokale, das andere Mal um nationale. In beiden Fällen ist der Bezugspunkt der entfesselte Weltmarkt, auf dem Unternehmen und Individuen, aber eben auch Städte und Staaten einen erbarmungslosen 'Krieg aller gegen alle' (Engels) um abstraktren Reichtum führen, also um Geld. Aber der Reihe nach. Die Videoüberwachung wird von Bernt Schulte und anderen PolitikerInnen als Instrument der Kriminalpolitik propagiert, mit dem Verbrechen verhindert werden könnten. Das ist natürlich absurd. Wollte man Verstöße gegen das Strafrecht verhindern, müsste man etwas gegen die Ursachen dieser Verstöße tun, also vor allem gegen die eklatanten Reichtumsunterschiede. Natürlich wird jemand, der etwa ein Eigentumsdelikt plant, das Ding nicht ausgerechnet vor laufender Kamera drehen. Insofern verhindert die Kamera also den illegalen Reichtumstransfer, aber eben nur in ihrem gefilmten Bereich. Was außerhalb dessen geschieht, außerhalb der innenstädtischen Plätze also, bleibt davon unberührt. Solange wir es noch nicht mit der totalen Videoüberwachung zu tun haben, führt die Filmerei deshalb nicht zur Verhinderung von verbotenen Akten, sondern nur zu einer räumlichen Verlagerung. Wenn es also nicht um Kriminalitätsbekämpfung geht, dann muss die Videoüberwachung andere Gründe haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

War im Nachkriegsdeutschland lange Zeit die Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen das Ziel der Politik, ist heute an ihre Stelle der Wettbewerb der Städte und Regionen im internationalen Maßstab getreten. Deshalb stehen gerade größere Städte wie Bremen heute in einer wesentlich härteren Konkurrenz zu anderen Städten und zum Umland als früher. Dabei geht es um Kapitalinvestitionen, hochwertigen Konsum und Führungsfunktionen. Dieser Standortkonkurrenz haben sich alle anderen Bereiche kommunaler Politik unterzuordnen, seien es Sozial-, Kultur, Bildungs- oder sonst eine Bindestrichpolitik. Diese 'unternehmerische Stadt', wie sie in der Stadtforschung gerne genannt wird, muß sich in einem ganz anderen Umfang als früher nach außen verkaufen.
Videoüberwachung
als
Stadtentwicklungspolitik

 

 

 

 

 

Drei zusammenhängende Elemente sind dabei das Stadtmarketing, die Festivalisierung der Stadtpolitik und die Aufwertung der Innenstadt. Stadtmarketing gilt als ein wahres Zaubermittel, in dem inzwischen selbst Mittel- und Kleinstädte ihre Chance im großen Wettbewerb sehen. Hauptsächlich geht es dabei um Werbeslogans und –logos, um ein einheitliches Erscheinungsbild (Corporate Identity) für die Stadt sowie um die Koordination und Abstimmung verschiedener Aktivitäten, die sonst nebeneinander herlaufen würden. In Bremen kümmert sich darum neuerdings die Bremer Marketing Gesellschaft (BMG). Mit Festivalisierung der Stadtpolitik wird der Trend bezeichnet, für die erwünschte Werbewirkung auf Großereignisse wie Expos oder Olympiaden zu setzen. Ein paar Stufen kleiner beschert dieser Trend Bremen „Jekyll & Hyde“ und bald die Ausstellung „Der Blaue Reiter“, die im Rahmen der Expo stattfinden wird. Erwünscht sind dabei gerade nicht alle Arten von Veranstaltungen. Wie von Seiten der Innenbehörde im Januar verlautbart wurde, gilt es den „Wildwuchs“ von Festivitäten auf dem Marktplatz zu bekämpfen, die weder eine überregionale Anziehungskraft noch einen Werbeeffekt für Bremen haben. Stattdessen soll es hier nur noch „qualitativ hochwertige Kultur“ geben, die Leute auch von weither in die Innenstadt bringt. Insgesamt schließlich soll die Innenstadt aufgewertet werden. Aktuelle Beispiele sind die Generalüberholung der Schlachte, die Pläne zur Umgestaltung der Obernstraße, die Überdachung der Sögestraße (wobei letzteres wohl vom Tisch ist) und die Umgestaltung von Bahnhof und Bahnhofsvorplatz, wo noch weitere umfangreiche Investitionen bevorstehen. Entsprechend wurde im September 1998 vom Senat ein Sofortprogramm Innenstadt beschlossen und vom Bausenat ein Initiativkreis Innenstadt ins Leben gerufen, dem auch VertreterInnen des Einzelhandels und der Kammern angehören. Dieses informelle Gremium fordert für die Innenstadt eine Steigerung der „gestalterischen Qualität“, die ergänzt werden müsse durch „gemeinsame Bemühungen um ein gepflegtes Ambiente, um Sicherheit und Sauberkeit in der Innenstadt“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und schon sind wir bei der Sicherheit angelangt, und der Zusammenhang, in dem es um diese Sicherheit geht, zeigt nicht nur, dass es um sie als Standortfaktor geht. Er verweist auch darauf, dass es hier darum geht, alles zu verhindern, was dem gepflegten Ambiente und der Sauberkeit entgegensteht. Es geht also nicht um Subventionsbetrüger (die tragen Anzüge), koksende Manager (die verelenden nicht) oder Vergewaltigung (die findet zu Hause statt). Was stört sind Junkies, Wohnungslose, BettlerInnen, Leute, die sich komisch benehmen. Und an denen stört auch nicht so sehr, was sie tun, denken oder wollen, sondern dass sie nicht in das erwünschte Bild passen, dass sie nicht gut aussehen. Sie stören genauso wie Müll, gelbe Säcke und Graffitis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sicherheit als Standortfaktor

 

Da ist es kein Zufall, dass gerade jetzt so ein Unfug wie die vielzitierte „Broken Windows“-Theorie in aller (law-and-order-) Munde ist. Zur Erinnerung: Diese Theorie liegt der „Zero Tolerance“-Strategie der New Yorker Polizei zugrunde. In ihr wird behauptet, dass, wo es an Sauberkeit und Ordnung mangelt, schnell auch die Kriminalitätsbelastung und deshalb völlig zu Recht auch die Kriminalitätsfurcht wächst. Damit das neuerdings so vielbeachtete Sicherheitsgefühl nicht beeinträchtigt wird, gelte es deshalb die „Verwahrlosung des öffentlichen Raums“ zu verhindern und bereits bei kleinsten Verstößen gegen die Ordnung hart durchzugreifen. Dabei werden störende Leute und störende Sachen (die 'broken windows' eben) gleichgesetzt. Sie tragen angeblich gleichermaßen zum Unwohlsein der ordentlichen Leute bei. So werden Menschen und Gruppen kriminalisiert, die gar nicht gegen das Strafrecht verstoßen haben, sondern lediglich wegen ihres Aussehens angeblich gefährlich sind oder zumindest dafür gehalten werden (sollen). Und hier kommt die Videoüberwachung ins Spiel: mit ihr können eben die Leute ausgemacht werden, die aufgrund ihres Aussehens das Erscheinungsbild der Innenstadt stören. Die technischen Möglichkeiten gehen inzwischen so weit, dass mittels der Kamera erkannt werden kann, wenn sich jemand zu lange bückt, sich also nicht nur den Schuh bindet, sondern bettelt oder gar lagert. Für die Betroffenen hat das unschöne Konsequenzen: Sie werden mittels Platzverweisen und Betretungsverboten vertrieben. Bernd Belina