Die Überwachungskunst von Prof. Steve Mann
Steve
Mann, Professor an der Universität Toronto, analysiert die Methoden und Argumente
der Überwachungsgesellschaft(en) und eignet sie sich für seine künstlerische
Arbeit an. In seinen Performances sucht er die Auseinandersetzung
mit dem Sicherheitspersonal.

Maybe
Camera - Who´s paranoid?
(Anleitung für eine Steve Mann Performance)
Nehmen Sie ein rechteckiges Stück schwarzes oder dunkles Acrylglas, schneiden
Sie es im Verhältnis 3:4 .
Besorgen Sie sich ein schwarzes XL Sweatshirt.
Drucken Sie die Worte >Für IHRE Sicherheit, eine Videoaufnahme von
Ihnen und Ihrer Umgebung wird an einen sicheren Ort gesendet und aufgezeichnet.
ALLE KRIMINELLEN TATBESTÄNDE WERDEN STRAFRECHTLICH VERFOLGT!< in
großen Buchstaben auf die Vorderseite ihres Shirts. Lassen Sie zwischen den
Buchstaben bitte Platz für die Acrylscheibe.
Fixieren Sie die Acrylscheibe sicher auf dem Shirt.
Tragen Sie das so ausgestattete Sweatshirt in einem Kaufhaus oder in einem
anderen Geschäftszentrum, das mit Videoüberwachungssystemen ausgestattet ist,
in dem aber fotografieren und videografieren verboten sind.
Sicherheitsgläser: Sicherheit zuerst
Die von Prof. Steve Mann entwickelten Sicherheitsgläser, auch Wearcam/Wearcom
genannt, sind dagegen hochkomplexe Geräte, die als Ergebnis seiner gesellschaftlichen,
künstlerischen und technischen Analysen, die materielle Komponente seiner
Performances darstellen. Wearcam/Wearcom, diese Bezeichnung verdeutlicht,
dass es sich bei den Sicherheitsgläsern sowohl um eine Kamera, als auch
um einen Computer handelt. Die/der Cam/Com ist tragbar, ähnelt einer Brille
und nimmt auf, was sich im Blickfeld des Trägers befindet. Diese Bilder
werden (schnurlos) ins Internet gesendet und von dort wieder auf den Bildschirm
der Sicherheitsgläser. Das Gegenüber des Trägers der Sicherheitsgläser sieht
sich selbst auf dem Bildschirm.


Reflektionsimus
- eine neue Taktik zur Dekonstruktion der Video-Überwachung
Mit der gegenwärtig allseits zu verzeichnenden Zunahme von Videoüberwachungen,
die verbunden sind mit Hochgeschwindigkeitscomputern und zentralen Datenbanken,
sieht Steve Mann uns auf einen high-speed "Surveillance Superhighway" (SS)
(Überwachungs-Autobahn) zusteuern. Er analysiert die Argumentation der Befürworter
der Überwachungseinrichtungen und bezeichnet sie als `die fünf Reiter der
SS´:
(1)
Geheimhaltung: Die Kameras sind oft ganz oder teilweise versteckt oder
man kann nicht erkennen, ob sie in Funktion sind oder nicht. Der ganze Security-Bereich
operiert im Geheimen und wird nicht kontrolliert.
(2) Rhetorik: `Die Videoaufnahmen werden zu IHREM Schutz gemacht´,
es geht um das `Gemeinwohl´, um die `öffentliche Sicherheit´.
(3) Beständigkeit: Die Videoüberwachung wird als Selbstverständlichkeit
präsentiert und ist Teil der Architektur (Prothese der Architektur). Gleichzeitig
ist in diesen überwachten Zonen das Fotografieren und Filmen verboten.
(4) Verweis an höhere Ebenen: `Wir vertrauen Ihnen und wissen, dass
Sie niemals einen Ladendiebstahl begehen würden, aber die Geschäftsleitung
hat sich für diese Videoüberwachung entschieden.´ oder `Wir trauen Ihnen,
aber unsere Versícherungsgesellschaft verlangt Überwachungskameras.´
(5) Kriminalisierung der Kritiker: `Warum sind Sie gegen die Videoüberwachung,
haben Sie etwas zu verbergen?´
In seinen Performances spiegelt Steve Mann die fünf Reiter der SS folgendermaßen:
(1) Geheimhaltung: Er entwickelte versteckte, am Körper tragbare Wearcams/Wearcoms,
die er einsetzt um in Bereichen, wo Fotografieren streng verboten ist, den
Überwachungsapparat sowie das Sicherheitspersonal zusammen mit den verantwortlichen
Managern aufzunehmen und zu dokumentieren. Andere tragbare Geräte, z.B. die
`Probably-Camera´, sehen aus wie Kameras, aber man ist nicht sicher, ob die
Kamera auf `Aufnahme´ ist oder nicht. Bei der `Maybe-Camera´ ist nicht zu
erkennen, ob es sich um eine Kamera handelt oder nicht.
(2) Rhetorik: Steve Mann verkehrt die Argumentation des Überwachungsapparats,
indem er anstelle von `öffentlicher Sicherheit´, von `persönlicher Sicherheit´
spricht.
(3) Beständigkeit: Die von ihm entwickelten Geräte werden wie Kleidung
am Körper getragen, so dass sie nicht ohne weiteres abgenommen werden können.
Die Geräte sind Teil seines sog. `prothetischen Territoriums´.
(4) Verweis an höhere Ebenen: Einige seiner Performances, wie `My Manager´
nutzen das Prinzip der untergeordneten Beschäftigung.
(5) Kriminalisierung der Kritiker: dem Sicherheitspersonal, welches
das Filmen verhindern möchte, wird unterstellt, kriminelle Tatbestände, wie
die Blockierung von Notausgängen, vertuschen zu wollen.
Diese
Argumentationslinien nutzt Steve Mann für das Konzept seiner Performances,
genauso wie er die Infrastruktur der Videoüberwachung nachempfindet. So geht
er z.B. in Kaufhäuser und videografiert mit seinen Sicherheitsgläsern zugestellte
und verschlossene Notausgänge. Diese Videobilder sendet er an `SafetyNet´,
ein Netzwerk, an das Freunde und Verwandte angeschlossen sind. Wird er vom
Sicherheitspersonal angesprochen, was schnell zur Stelle ist, wenn Videoaufnahmen
gemacht werden, so ist seine Argumentation: Er filme, um Kriminalität zu verringern.
Außerdem verlange sein `Manager´ von ihm, Sicherheitsgläser zu tragen, damit
er während der Arbeitszeit nichts Privates erledigt.


Steve Mann sieht seine Sicherheitsgläser als literarische
Verkörperung der reflektionistischen Philosophie, die der Gesellschaft den
Spiegel vorhält. Im Reflektionismus werden nicht nur die Werkzeuge der Unterdrücker
angeeignet, sondern dem Unterdrücker entgegengehalten. Durch diese Spiegelsituation
wird eine Symmetrie geschaffen.
Humanistische Intelligenz (HI)
Ein wichtiges Ziel der künstlerischen Arbeit von Steve Mann ist die Stärkung
der von ihm so genannten Humanistischen Intelligenz (HI). Sie ist die Grundlage
für ein selbstbestimmtes Leben und Autonomie. Als Gegenkonzept zur Künstlichen
Intelligenz ist das Ziel der HI, den Menschen durch Prothesen aller Art,
intelligenter zu machen und ihn eben nicht durch intelligente Maschinen
zu entrechten. Damit steht die Humanistische Intelligenz im Widerspruch
zur intelligenten Überwachungsumwelt. Nicht die künstliche Umgebung soll
intelligenter und sensibler werden, sondern der Mensch soll durch künstliche
Transformationen seines Körpers in höhere Sphären gelangen. So sind die
von ihm entwickelten Wahrnehmungs- und Kommunikationsgeräte, wie z.B. die
Wearcam/Wearcom, Prothesen um die natürlichen Sinnes- und Kommunikationsmöglichkeiten
des Menschen zu ergänzen und zu vervollkommnen. Vera Kandzia
Anmerkung:
Der Text sowie die Abbildung sind mit freundlicher Genehmigung des Künstlers
folgender Website entlehnt:
http://wearcam.org/