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Jazz - ein Gradmesser für die Freiheit?

JAZZ

jazz ist ein Schrei

der schweigen zerreißt

chaos ist jazz ist

aufruhr ist wut

eine waffe gegen die Lüge

und ehrlichkeit ohne ehrfurcht

ist jazz

furchtlos sterben

angst vor dem tod

 

jazz ist die schwester

des blues

 

melodiös und dramatisch

heiter und zickig

plätschernd und brüllend

ist jazz

jazz ist begierde

ist hungrig und lüstern

ist leben ist lieben

ist leid

 

jazz ist harmonie

mit viel streit

 

schräg ist jazz

schrill grell

leise

unbequem

angenehm unangenehm

jazz

ist heiß kalt und lau

zwischen hochzeit

und scheidung

pepperoni und popkorn

ist jazz

 

jazz ist ein kind

mann und frau

 

jazz ist die schwester

des blues ist der bruder

des soul ist

ella fitzgerald ist

miles davis ist

john coltrane ist

betty smith

jazz

ist trompete ist saxophon

stimme

du und ich

 

das ist jazz

 

Dieses Gedicht wurde 1997 von der Dichterin und Aktivistin May Ayim, Mitgründerin der bundes­weiten Initia­tive Schwarzer Men­schen in Deutsch­land (ISD) und Protagonistin der afrodeutschen Bewegung veröffentlicht. Wenngleich Jazz heute oftmals vorrangig unter ästhetischen Gesichtspunkten verhandelt wird, gilt er anderen als „a particular way of approaching life“ (Paul F. Berliner) oder gar als "ein guter Gradmesser der Freiheit" (Duke Ellington).  

Sklaverei und Segregation als Entstehungskontext

Eine entscheidende sozialgeschichtliche Voraussetzung für die Geburt des Jazz spielten der Amerikanische Bürgerkrieg und die Abschaffung der Sklaverei als Wegbereiter der in den 1870/80er Jahren eingeführten „Rassen“trennung. In Folge des rassifizierenden Grundsatzes „separate but equal“ erfuhren die – vormals gegenüber versklavten Schwarzen privilegierten – Créoles einen sozialen und ökonomischen Statusverlust. Dies führte unter anderem dazu, dass sich viele einstige Freizeitmusiker genötigt fühlten, zu Berufsmusikern zu werden. In Folge dessen formierten sich zunehmend Ensembles, in denen sich die durch Bluestonalität und Improvisation  geprägte Musik der schwarzen „Unterschicht“ mit dem schulisch erworbenen musikalischen Wissen der Créoles zu den Ursprüngen der heute als „Jazz“ bekannten Musik vermengten. In dem Maße, in dem sich der frühe New Orleans Jazz wachsender Beliebtheit als Unterhaltungsmusik erfreute, begannen sich zunehmend weiße Musiker im Musikgeschäft durchzusetzen – ein Prozess, der auch als kulturelle Enteignung schwarzer Musiker durch die weiße Kulturindustrie bezeichnet wird: So war es etwa auch die weiße Original Dixieland Jass Band, die 1917 die erste Jazz-Schallplatte der Welt einspielte.

Swing und Widerstand

Während die Swing-Ära der 1920er- bis 1930er Jahren oftmals mit einer Überwindung der „Rassen“trennung assoziiert wird, blieben Kollaborationen zwischen weißen und schwarzen Musiker*innen weiterhin eine Ausnahme und hatten wenig Einfluss auf das Alltagsleben.  Zudem erkauften sich schwarze Bands ihren Erfolg oftmals mit dem Preis einer Anpassung an eine von bürgerlichen, weißen Wertvorstellungen geprägte Ästhetik.

Auch in Deutschland wurde die Jazzkultur, die vermutlich 1918/19 mit amerikanischen Besatzungssoldaten ins Land gekommen war,  schon bald zur Zielscheibe (kolonial)rassistischer Schmähungen: Der  Jazz wurde als „wild“ und  „ungezähmt“, als Ausdruck von „Uncultur“ und damit als Widerspruch „zum deutschen Wesen“ und „Gefährdung der deutschen Kultur“ verunglimpft. Nach der Machtergreifung Hitlers wurden zunehmend Verbote gegen Jazz, Swing und Swingtanz ausgesprochen. Dabei oblag das Durchsetzen dieser Verbote bis zum Jahr 1943 jedoch zunächst dem Ermessen der zuständigen Gauleiter und Bürgermeister. Auf diese Weise wurde in Hamburg beispielsweise ein eigenes Gestapo-Dezernat für die Verfolgung der Swing-Jugend eingeführt - einer Jugendkultur, deren Liebe zum Swing zu einem internationalistisch orientierten Lebensstil führte und unter anderem am eleganten Kleidungsstil erkennbar war.

In Bremen hielt Bürgermeister Böhmcker die Verbreitung der Swingkultur hingegen als nicht ausreichend, um die „sittliche Moral“ zu gefährden, weshalb es ‚nur‘ zu lokalen Razzien und Appellen kam. Wenngleich sich die Swing-Jugend weitestgehend nicht als politische Widerstandsbewegung verstand, vertrat sie durch ihre Liebe zum Swing zweifelsohne eine gewisse Grundhaltung, die im Konflikt zum Nationalsozialismus stand.

New Black Music und die Black Power Bewegung

Ein wichtiges Moment in der Lesart der Jazzgeschichte als „Gradmesser der Freiheit“ stellt die in enger Verbindung zur Black Power-Bewegung der 1960er stehende New Black Music dar. Dabei ist zu bemerken, dass einige Protagonist*innen, der auch als Free Jazz bekannten New Black Music, den Begriff Jazz als Fremdbezeichnung gänzlich ablehnten und ihn als Ausdruck der Schmähung und Ausbeutung schwarzer Musiker betrachteten.

Ein Fokus der Black Power Bewegung lag nicht zuletzt auf der Kritik des kapitalistischen Systems als kolonialem System. Auch die New Black Music-Bewegung war die Abhängigkeit  von der euro-amerikanischen Schallplattenindustrie leid und begann nach neuen Wegen zu suchen: Einige Musiker*innen begannen sich zu weigern in den Jazzclubs zu spielen und etablierten den sogenannten Loft Jazz. Zudem wurden eigene Plattenfirmen und Interessensverbände wie die Jazz Composer‘s Orchestra Association gegründet. Auch der in obigem Gedicht erwähnte Miles Davis wurde dank seines selbstbewussten Auftretens zum Vorbild vieler Schwarzer. So äußerte ein Trompeterkollege von ihm in einem Interview: „Revolutionär war das Verhalten von Miles als schwarzer Musiker. Ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast. Aber auf allen George-Wein-Tourneen reisten die schwarzen Musiker in der zweiten Klasse, während Stan Getz und Dave Brubeck in der ersten Klasse unterwegs waren. Und alles lief in diesem Stil. Und Miles war der erste, der wirklich dagegen anging. Ich meine, was Miles machte, das war wirklich wichtig und hatte wirklich eine große Bedeutung.“

Black Music Matters

Ähnlich wie in den Sechzigerjahren zeichnet sich auch gegenwärtig wieder eine enge Verzahnung von Politisierung und Musik ab. So sagte der Jazz-Pianist Jason Moran 2016 in einem Interview mit der New York Times: "Our relationship with this country has always been documented through how the music changes. This is a time when black America is on fire, and Kamasi is adding fuel to the flames."

Washington Kamasi, dessen EP "Harmony Of Difference" als ein utopischer Gegenentwurf zu rassistischen Machtverhältnissen gelesen werden kann, gilt dem Kritiker Greg Tate als "Jazz voice of Black Lives Matter". Die Bewegung war am 13. Juli 2013 als Reaktion auf den Freispruch des Nachbarschaftswärters George Zimmermann, der den Schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin erschossen hatte, von Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi gegründet worden. Sie versteht sich als ideologische und politische Intervention in einer Welt, in der schwarze Leben systematisch und absichtlich ausgelöscht werden und kämpft für die gesellschaftliche Anerkennung schwarzer Menschen und deren Errungenschaften.  

Ebenso wie die Black Lives Matter-Bewegung eine Hinterfragung starrer Identitäten und sozialer Kategorien anstrebt, weist auch die aktuelle Musik genreübergreifende Innovationen auf, die als Überwindung von Stereotypen gesehen werden kann. So ruft der Pianist Kris Bowers dazu auf, erst die Musik zu hören und dann zu überlegen, wie diese genannt werden soll und skizziert damit nicht zuletzt eine Möglichkeit zur Überwindung ethnisierender Zuschreibungen. "If someone says 'what does Kris's music sound like?' And you say 'he's a jazz musician,' what does that mean? There's so much diversity within that 'genre' that it's hard to label these things. I hope eventually we find a way to not need or rely on genre titles, just like I hope we don't need or rely on race to use that first to define people."

 

Nicole Mossmüller