Ein großer Tisch, ein Küchentisch, wo immer jemand sitzt. Irgendwer hat einen Kaffee aufgesetzt, jemand anderes hat sich gerade eine Zigarette gedreht. Irgendjemand kommt rein, irgendjemand geht raus. Es wird immer irgendwie herum palavert. Jede*r kann sich immer anschließen. Jede*r ist immer willkommen. Ein Gefühl von Zuhause.
Der Dokumentarfilm „Freiraum“ von Vanessa Christoffers-Trinks und Katrin Stahrenberg begleitet vier Menschen aus dem ehemaligen Bremer „Frauenprojekt Buntentor“. Anhand von Bildern und Erzählungen werden die Zuschauer*innen mitgenommen auf eine Zeitreise zu einer Gruppe aus FLINTA*-Personen in den 1990er Jahren. Nach der Hausbesetzung im Buntentorsteinweg 372 Ende der 80er Jahre waren es junge Menschen, die primär damit beschäftigt waren, das Haus instand zu halten. Sie organisierten Konzerte und schafften Kunst.
Außenstehende, die nicht mit im Buntentor-Projekt wohnten, fanden dort Gleichgesinnte und einen Raum zum kreativen Arbeiten. In der Bremer Stadtzeitung kassiber aus dem Oktober 1994 steht in einem Interview mit den Bewohner*innen des Projekts: „Wir verstehen uns schon als Teil der Frauen/Lesben Politik, allerdings nicht als große Theoretikerinnen, sondern eher aktiv. Wir haben handwerklich mit Frauen gearbeitet, ihnen Räume zur Verfügung gestellt usw. Das war unsere Priorität. Wir haben nie radikalfeministische Politik betrieben.“
Der Film zeigt nicht nur das Leben der Gruppierung in den 90er Jahren, sondern auch Ausschnitte ihres heutigen Lebens. Trotz der Veränderungen ist gleichzeitig erkennbar, dass die Zeit im Projekt Buntentor maßgeblich entscheidend war für die Wege und Entwicklungen der einzelnen Personen. Dort gab es (Frei) Raum für kreative Entfaltung, für die Arbeit in der Natur und im sozialen Miteinander – und es gab Raum für die eigene identitäre Selbstfindung. So werden im Film eben nicht nur Frauen gezeigt, sondern auch eine Person, die sich im Laufe der Zeit als trans-Mann outete.
Am Ende wieder ein Tisch. Diesmal am Werdersee und rund 30 Jahre später. Wieder alle zusammen, wieder Gemeinschaft, aber diesmal nur auf Zeit und vor allem ohne gemeinsames Haus. Was bleibt sind Erinnerungen an ein Projekt voller Engagement, Improvisationslust und Leben. Und jetzt auch ein Film über genau das.
Die Besetzung des Buntentorsteinwegs 372 gliedert sich in die Geschichte der Bremer Hausbesetzungen ein, denn die Tradition des Häuserbesetzens reicht weit in die Vergangenheit und ist gleichzeitig hochaktuell, nicht zuletzt abermals im Buntentor. Im Kukoon fand im März eine Veranstaltung über eben diese Geschichte der Bremer Hausbesetzungen statt, bei der auch Mitwirkende des Films anwesend waren und über ihre Erfahrungen berichteten. Veranstaltet wurde dies von der Gruppe Korner gestalten, die im Oktober 2025 unter dem Namen Leerstand gestalten die Kornstraße 155 besetzte und seitdem verschiedene Workshops, Infoabende und ein Straßenfest organisierte.
Beim diesjährigen Watt en Schlick Festival in Dangast (31.07. – 02.08.) ist die Dokumentation Freiraum Teil des Filmprogramms. Außerdem wird sie voraussichtlich Anfang 2027 in ausgewählten Bremer Kinos laufen.