Vielen Bremer*innen sagen die Bremer Acts RAUM27 oder Kid Kapri bestimmt etwas. Was viele nicht wissen: Hinter etlichen ihrer Tracks steckt derselbe Produzent. Florida Juicy, bürgerlich Luka Bodzin, ist Bremer und hat für all diese Musiker*innen produziert und ihren Sound mitgeprägt. Und das äußerst erfolgreich. Mit Ikkimel hat er inzwischen sogar sein erstes Nummer-eins-Album erreicht.
Und jetzt? Neues Studio in Berlin, Produktionen unter anderem für die Sängerin Verifiziert aus Wien oder den Rapper Longus Mongus von der Trap-Gruppe BHZ. So unterschiedlich ihre Genres auch sind, eins haben diese Künstler*innen gemeinsam: Sie sind authentisch, und genau das ist Luka in der Zusammenarbeit wichtig.
Ich kenne Luka seit unserer späten Jugend. Wir fuhren zusammen zur Schule, und gemeinsam mit Freunden, die später Teil der Rap-Crew „Erotik Toy Records“ (ETR) wurden, schrieben wir Texte, bis jeder seinen eigenen Weg ging. Bei Luka hatte ich nie den Eindruck, er macht Musik, weil er denkt, sie machen zu müssen. Er hatte einfach Spaß dabei, wie wir alle, und wir brauchten nicht viel. Kein Leistungsgedanke, kein Erfolgsdruck.
Aber wie kam es zu seinem Erfolg? Die Möglichkeiten, von Bremen aus in der Musik groß zu werden, sind, sagen wir mal, begrenzt. Nicht ohne Grund gibt es Förderinstitutionen wie das Pop Office, das Bremer Musiker*innen dabei unterstützt, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Musste er nach Berlin gehen, um erfolgreich zu sein? Und macht das alles noch Spaß?
Wir sitzen uns im Videocall gegenüber. Er ist gerade aus einer intensiven Albumproduktion für Ikkimel aus Südkorea zurückgekommen. Gefühlt hat er dieses Jahr, so sagt er es, schon zwei Jahre gelebt. Viel Arbeit, aber das sei eigentlich immer so: „Selbstständig, du kennst das.“ Kenne ich. Also fangen wir vorne an.
Neustadt, Viertel, Keller-Studio
Zur Schule ging Luka in Schwachhausen, sozialisiert und musikalisch geprägt wurde er woanders: „Viertel, Sielwallkreuzung, Ostertorsteinweg“. Musik gemacht hat er schon in der frühen Kindheit. Die ersten Auftritte hatte er mit 13, 14 beim Schulfest „Kippe rockt“. Proben konnte er umsonst in der Gesamtschule Bremen-Mitte und später im Kulturzentrum Friesenstraße. Der Musikunterricht war es nicht, der ihn zur Musik gebracht hat – da ist er ziemlich deutlich. Was war es dann? In seiner Familie machen fast alle Musik, und der Rückhalt für Kunst war immer da. Nach seiner Schulzeit ging es in die Neustadt, erste WG mit eigenem Studio im Keller, die später eine Art „ETR-Hochburg“ wurde, wo viele Songs entstanden.
Außerhalb der Familie waren es Freunde wie Skinnyblackboy, mit dem er angefangen hat, richtig Musik zu machen. Erst in Bands, dann mit eigenen Techno-Tracks auf SoundCloud und schließlich mit ETR: „Alles Bremer. Denen bin ich sehr dankbar.“
„Wir wollten provozieren“
Erotik Toy Records nannte sich „the most sensitive rap crew“ und war ein Gegenentwurf zum Gangster-Rap. „Uns war schon wichtig, mit Männlichkeitsbildern zu spielen, auch zu provozieren, gerade Männer.“ Viel Humor, sich selbst nicht zu ernst nehmen.
ETR hat ihm viel gegeben und beigebracht. Kommerziell groß wurde die Crew nie, denn als mit dem Album der erste Erfolg kam, folgte der Lockdown. Für Luka ist ETR immer noch eines seiner absoluten Lieblingsprojekte: „Ich zeig’s immer wieder gerne Leuten, egal wem.“ Und es kommt vor, dass sehr erfolgreiche Artists ihm dann sagen, dass sie Fans sind.
Zwischen Kunst und Kommerz
Bremen in dieser Zeit beschreibt Luka als „Peak“. Graffiti, Rap, Studium Freie Kunst und Malerei an der HfK, Auftritte, Veranstaltungen planen, auf die Fusion fahren und irgendwann selbst dort spielen. „Für mich ging’s eine Zeit lang einfach nur um Kunst.“ So wie es war, sagt er, hätte es auch nur in Bremen passieren können.
Einengend war es auch, und irgendwann kam der Punkt: „Ich kann nicht mehr, ich muss raus aus dieser Stadt, weil sonst frisst sie mich auf.“ Er wollte mit seiner Musik raus in die Welt, wollte professioneller Musikproduzent werden, und das konnte er in Bremen nicht. Gemerkt hat er das mit Kid Kapri. Der war anders sozialisiert, hat über Hauspartys und Gin Tonic gerappt – und hatte mit dem von Luka produzierten Track „Mosaik“ sofort riesigen Erfolg. Nur: „Das wurde nicht so supported von Bremen, von meiner Stadt. Das haben die Leute nicht so gefühlt.“ Er kann das verstehen und schätzt sogar, dass es diese Haltung gibt. Aber er wollte da weiter reingehen, sich ausprobieren und eben nicht die Arme verschränken vor allem, was kommerziell ist. Fasziniert haben ihn Artists wie Trettmann, die es schaffen, mit Kunst und Inhalt kommerziell sehr erfolgreich zu sein. Und wie kommt man an solche Leute ran? Natürlich könne man in Bremen bleiben und hoffen, entdeckt zu werden, sagt er.
Was fehlt Bremen?
Schon zu ETR-Zeiten hatten sie ihre eigene Hinterzimmerkneipe und kreatives Basislager, „Zum Blauen Manfred“. Gleichzeitig hat er zugesehen, wie Orte schließen und wie viel Kraft es die Kreativen in Bremen kostet, überhaupt etwas am Laufen zu halten. Dass eine Veranstaltung wie die Breminale seit Jahren finanziell ringt, versteht er bis heute nicht.
„Ich hatte irgendwann keinen Bock mehr, mir hier den Arsch aufzureißen, wenn die ganze Zeit Sachen geschlossen werden und es kaum Support von der Stadt gibt.“ Er weiß, dass manche das Weggehen feige finden, vielleicht sogar verräterisch. Für ihn ist es eine einfache Rechnung: Wer aufhört, in Kunst und Kultur zu investieren, macht die Stadt unattraktiv. In Berlin habe die Kreativszene deutlich mehr Power.
Für Bremen würde er sich mehr Orte wünschen, wo junge Leute aufnehmen und produzieren können und überhaupt mehr Aufmerksamkeit für junge Leute, die Kunst machen.
Hätte er sich so etwas wie das Pop Office damals gewünscht? Er lacht. „Wir waren eh so verpeilt, dass wir wahrscheinlich jeden Antrag zu irgendeiner Förderung verpasst hätten.“ Er findet es gut, dass es die Unterstützung heute gibt, und ist trotzdem froh, wie damals alles gelaufen ist. Diese Haltung empfiehlt er auch der nächsten Generation: sich trauen, gegen den Strom gehen, auch mal Scheiße bauen. Und vor allem: „Bringt eure Musik raus. Lasst sie nicht auf eurer Festplatte vergammeln.“ Erst wenn etwas draußen ist, kann es den ersten Menschen geben, der sagt: Das gefällt mir. „Ja, dann hast du doch einen Grund, weiterzumachen.“
Das Schlachtfeld Musikindustrie
Das Business sei „ein Schlachtfeld“, sagt Luka. „Es gibt tausend Produzenten, alle sind gut. Man ist austauschbar.“ Heute produziert er für viele Artists gleichzeitig, auf der Bühne steht er kaum noch, er will ins Studio. Früher wollte er durchaus berühmt sein, mittlerweile freut er sich mehr, wenn seine Artists durchstarten, als über Aufmerksamkeit für sich selbst. Dass er trotzdem als Main Artist in den Songs auftaucht, ist für ihn vor allem Business-Taktik: Artists und Labels schauen auf die monatlichen Hörer*innen bei Spotify, und bei ihm stehen da 700.000 bis 800.000. „Das ist einfach gute Promo.“
Was ihn ausmacht? „Ich meine sagen zu können, dass sich die meisten Artists relativ wohl bei mir fühlen.“ Dazu liefert er Ideen, die über das Naheliegende hinausgehen. Außerdem schreibt er oft an den Texten mit. „Der textliche Inhalt und die Idee hinter dem Song, das ist das, was KI auf jeden Fall noch nicht kann und was auch am wichtigsten ist. Der Sound ist tatsächlich zweitrangig.“ Das Schwierigste in der Branche, so sagt er, sei die nachhaltige Platzierung von Artists in der Musikwelt. „Echte Fans, die Tourtickets kaufen. Viele Streams zu kriegen, das ist nicht so schwer.“
Ein Traumjob?
Bei all dem Erfolg und wachsendem Druck stellt sich die Frage: Macht das noch Spaß? „Das ist der beste Job der Welt“, sagt Luka. „Ich könnte mir kein Leben ohne Kunst vorstellen.“
Und die Arbeit mit großen Artists? „Ist geil“, sagt er und lacht. Eine Ehre, er sei nach wie vor Fan. Aufregend ist es immer noch. Als Produzent müsse man liefern und sich beweisen, gerade in den ersten Sessions. Vor der ersten Session mit Trettmann ging es ihm, sagt er, echt nicht gut.
Abstand schafft Nähe
Verfolgt er noch, was in Bremen passiert? „Es kommt leider nicht so viel“, sagt er, nennt dann aber doch ein paar Namen: GIBBA aus Tenever, der für ihn einen wichtigen Bremer Sound repräsentiert. Dazu Willy Brand & Balti und die Band RAUM27, für deren angekündigtes Album er mehrere Songs produziert hat. Sein Fazit: „Wir brauchen mehr geile Mucke aus Bremen.“
Wenn er heute in die Stadt kommt, zieht es ihn als Erstes ins Viertel. Draußen sitzen, Litfass, ein Bier. „Ich habe mein Herz natürlich in Bremen. Und ich glaube, Bremen muss sich bemühen, seine Künstler zu halten.“ Er liebt die Stadt und will ihr etwas zurückgeben. Der erste Schritt steht schon fest: Am 22. November gibt er für das Pop Office Bremen einen Workshop. Er zeigt, wie er Songs produziert, und spricht darüber, wie man als Produzent*in die ersten Schritte macht und einen Artist aufbaut.
„Ich bin ja nicht für immer weg“, sagt Luka. „Ich bin jetzt seit fünf Jahren in Berlin. Ich war aber 25 Jahre in Bremen. Vielleicht bin ich in fünf Jahren wieder da, und dann für den Rest meines Lebens. Man weiß es nicht.“
Bremen, du weißt, was zu tun ist.