Anni kehrt zurück

ANGELINA KLUGE

Zu ihrem 100. Geburtstag wird die Geschichte von Anni Schwarz als musikalisches Portrait auf die Bühne des Schlachthofs gebracht. Dabei stellt sich eine Frage, die über das Gedenken an die NS-Verfolgung hinausgeht: Wie erzählt man ein Leben, das mehr war als nur Überleben?

Geschichten schreiben sich in Orte ein, ob wir es wollen oder nicht. Sie haften an Mauern und an Plätzen, die längst andere Funktionen eingenommen haben, wie auch im Schlachthof. Seit 2022 trägt der Platz vor dem Schlachthof einen Namen, der eine Geschichte sichtbar macht: Der Familie-Schwarz-Platz. Die 12-köpfige Bremer Sinti-Familie Schwarz wurde am 8. März 1943 mit etwa 270 anderen Sinti und Roma aus Bremen im alten Schlachthof interniert und im Anschluss ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Zuvor lebte die Familie in der Findorffstraße 99, unmittelbar neben dem Schlachthof.

Als einzige überlebte Anni Schwarz, die sowohl beide Elternteile wie auch ihre neun Geschwister im Vernichtungslager verlor. 2007 starb sie als Anni Grimm in Wolfsburg. Wer war diese Frau? Was prägte ihre Kindheit und Jugend in Bremen? Wie sah ihre Verfolgungszeit aus und die langsame Rückkehr ins Leben nach der Befreiung? Autor Ralf Lorenzen geht genau diesen Fragen nach und bringt zum Tag ihres 100. Geburtstags am 23. September 2026 eine biographische Revue auf die Bühne des Schlachthofs. Mit „Anni – Lieder und Erinnerungen zum 100. Geburtstag der Sinteza Anni Schwarz (1926–2007)“ werden ihre liebsten musikalischen Stücke aus Swing, Chanson und Operette unter der Mitwirkung des Bremerhavener Dardo Balke Ensembles und des Tenors Manolito Mario Franz gespielt, gepaart mit vorgelesenen Texten von Carmen Spitta, Spielszenen und einer Moderation von Sissi Zängerle. So einmalig wie der Anlass ist ebenso die Umsetzung dieses facettenreichen Portraits.

Wer war diese Frau? Was prägte ihre Kindheit und Jugend in Bremen? Wie sah ihre Verfolgungszeit aus und die langsame Rückkehr ins Leben nach der Befreiung?

Seit Jahrzehnten schon beschäftigt sich Lorenzen journalistisch und in Form von Kulturprojekten mit der Historie und Lebensrealität von Sinti und Roma. Sein Engagement ist auf kollektive Zusammenarbeit mit der Sinti-Community und ein gemeinsames Gedenken ausgelegt; es umfasst unter anderem die Arbeitskreisgründung „Erinnern an den März 1943“ und die jährliche gleichnamige Gedenkveranstaltung im Schlachthof. Bereits 2019 entwickelte Lorenzen das dokumentarische Musiktheaterstück „Drei Tage im März“ aus historischen Dokumenten der Verfolgungsgeschichte und setzte Familie Schwarz ins Zentrum der Handlung.

Historiker Hans Hesse fand 2022 heraus, dass es mit Sohn Erdmann Grimm noch einen lebenden Nachfahren von Anni Schwarz gibt. Dieser wurde daraufhin zu einem wichtigen Verbündeten in der Spurensuche auf die Frage, wer Anni Schwarz eigentlich war. Denn auch wenn ihre Verfolgungsgeschichte an ihrem 100. Geburtstag weiterhin zentral bleibt, möchte Lorenzen mit dem Bühnenstück auch den Lebensmut und die Widerstandskraft zeigen, die nötig sind, um mit den erlittenen Traumata umzugehen. Diese drücken sich auch durch die Musik des Abends aus, die an einigen Stellen einen bemerkenswerten Kontrast zum Erlebten darstellt und Vielschichtigkeit zulässt. „Die Menschen, die aus den Konzentrationslagern wieder rausgekommen sind, die bezeichnen wir immer als Überlebende. Dieses Etikett hängt ihnen das ganze Leben an“, sagt Lorenzen. „Aber sie haben nicht nur überlebt, sondern gelebt. Dieses Leben zu zeigen, ist mir auch wichtig.“

Ein Name wie der „Familie-Schwarz-Platz“ allein, erinnert nicht von selbst. Er verpflichtet diejenigen, die an diesem Ort leben, arbeiten und feiern, dazu, die Erinnerung wachzuhalten und ihn mit Geschichte und Kultur zu füllen.

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