• Konzert

So.
06.09.2026
20:00
Kesselhalle

Chuck Ragan

Love And Lore

„I’ve been the hurricane we’re in, waiting out the storm“

Menschen entdecken Chuck Ragan auf unterschiedliche Weise. Einige kennen ihn von der wegweisenden Punkband Hot Water Music, die er seit drei Jahrzehnten mitbegründet und -geführt hat. Andere kennen seine erfolgreiche Solokarriere oder die Revival Tour, eine Art Wandertour mit Singer-Songwritern wie Frank Turner und Brian Fallon von The Gaslight Anthem. Manche sind vielleicht auch durch seinen erfolgreichen Fliegenfischerei-Betrieb in Grass Valley, Kalifornien, auf ihn aufmerksam geworden.

Was sich durch all diese Stationen zieht, ist Ragans Ehrlichkeit und Integrität – Eigenschaften, die man nicht vortäuschen kann. Und genau dieses Gefühl durchzieht Love And Lore, seine erste Solo-Veröffentlichung seit zehn Jahren. Sie erscheint passend zu dem Moment, in dem Hot Water Music mit dem Erfolg ihres Durchbruch-Albums Vows (erschien Anfang dieses Jahres) eine wohlverdiente Ehrenrunde drehen.

Dass Love And Lore überhaupt existiert, grenzt in gewisser Weise an ein Wunder. Die Idee zum Album hatte Ragan bereits 2016, die Studiozeit war für 2019 gebucht – doch kurz bevor die Aufnahmen starten sollten, kam COVID, und alle musikalischen Projekte mussten auf Eis gelegt werden. Stattdessen konzentrierte sich Ragan auf seine Fischerei, um seine Familie zu ernähren.

„2022 wurde es wieder ernst mit dem Album, aber ich hatte kaum Zeit dafür, war körperlich ausgelaugt und hatte ein Kleinkind“, erzählt er. „Es war einfach nur Chaos.“ (Dazu kam noch, dass ein Baum auf das Haus von Gitarrist, Pedal-Steel-Spieler und Multiinstrumentalist Todd Beene fiel.) Schließlich wurde Love And Lore Anfang 2023 aufgenommen – und das Ergebnis ist ein Album, das zeigt, wie Ragan über das klassische „Folk“-Label hinauswächst und als Songwriter mutig neues Klangterrain erforscht.

„Ich versuche immer, etwas anderes zu machen, weil ich glaube, wenn wir nicht suchen, dann lernen wir nicht“, sagt Ragan. „Meine Herangehensweise ans Schreiben ist: Was auch immer der Song braucht oder wohin auch immer er dich führt – lass ihn atmen.“

Diese Haltung zeigt sich in Songs wie „Echo The Halls“, bei dem Ragan seine vom Leben gezeichnete Stimme in etwas Melodischeres und Kontrollierteres formt – vor einem Hintergrund aus klingenden Pianos und Gitarren mit Phaser-Effekt. „Manche dieser Songs sind 15 Jahre alt, und hin und wieder taucht einer zur richtigen Zeit wieder auf“, erklärt er. „Vielleicht hat es vor zehn Jahren angefangen, aber aus irgendeinem Grund fühlte sich das, was ich gesungen oder gespielt habe, in dem Moment wieder relevant an – und daran wollte ich weiterarbeiten.“

Diese Herangehensweise verleiht Love And Lore eine gewisse Zeitlosigkeit. Ohne die moderne Produktion könnte man etwa „Winter“ für einen lange verschollenen Folk-Klassiker halten. Wenn Ragan in dem Song den Refrain „free your shadow“ singt, steckt in diesen drei Worten eine ganze Welt an Bedeutung.

„Wir sind dieses Album ganz anders angegangen – ich habe zum Beispiel sehr viel Gitarre gespielt“, sagt Todd Beene und nennt das rockigere Stück „Wild In Our Ways“ als Beispiel. „Wir haben einfach gesagt: Lasst uns mental nochmal ganz von vorn anfangen, alles machen, was wir wollen – und schauen, wie es sich anfühlt.“

Obwohl Ragans markante Stimme stets im Mittelpunkt steht, sorgt das Zusammenspiel mit Beene, Hot-Water-Music-Schlagzeuger George Rebelo und dem jazzgeschulten Bassisten Spencer Duncan (ein langjähriger Weggefährte von Beene) für eine frische Dynamik. Das Quartett bewegt sich mühelos zwischen verschiedenen Genres – von Country-Rock über Folk bis Punk –, ohne sich von bisherigen Projekten einschränken zu lassen (die Bandmitglieder haben u. a. mit Größen wie The Bouncing Souls gearbeitet).

Textlich taucht Ragan tief in seine eigene Gefühlswelt ein. Die Songs sind brutal ehrlich, wenn es um Themen wie Beziehungen, Familie und die täglichen Herausforderungen des Lebens geht.

„Es gibt so viel Herzschmerz in diesem Leben – und ich spreche nicht nur von mir selbst, sondern auch von den Menschen um mich herum“, erklärt Ragan. „Als jemand, der oft von seinen Liebsten getrennt ist, gibt es viel Dunkelheit, viele Fragen – und viele dieser Songs spiegeln genau das wider. Sie handeln von Therapie, vom Finden von Frieden, von Trost in der Natur, auf dem Wasser, mit geliebten Menschen – verstehst du?“

In diesem Geist steht die reduzierte Akustikballade „Reel My Heart“, in der Ragan noch tiefer in seine Gefühlswelt eintaucht.

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